Neue Wohn- und Arbeitsgebiete stärken den Standort Solothurn

Die Stadt Solothurn treibt die Planungs- und Vorbereitungsarbeiten für die Gebietsentwicklung Weitblick weiter voran. Andrea Lenggenhager, Leiterin Stadtbauamt, nimmt im Interview Stellung zur Realisierung und zum Stand des Vorhabens – und zum Mehrwert, den das zukunftsorientierte und wegweisende Projekt für Solothurn schafft.


Andrea Lenggenhager, weshalb braucht die Stadt Solothurn ein Entwicklungsvorhaben im westlichen Teil der Stadt? Was sind die wichtigsten Gründe dafür?

Das Gebiet Weitblick westlich der Westtangente eignet sich aufgrund der gut erschlossenen Lage hervorragend als Entwicklungsgebiet und damit als wichtige Ergänzung zum Stadtkern: Mit der Bahnstation Allmend, zwei Bushaltestellen und dem direkten Anschluss an die Westtangente ist dieses Gebiet sowohl mit dem öffentlichen als auch mit dem Individualverkehr bestens erreichbar.

Die Stadt Solothurn wird in Zukunft mehr Wohnraum benötigen. Der Kanton Solothurn prognostiziert bis 2030 gegenüber 2015 ein Bevölkerungswachstum von rund 20 Prozent. Solothurn als Zentrumsstadt schafft mit dem Gebiet Weitblick ein bedeutendes Angebot für Wohnen und für die Wirtschaft. Mit dem Gebiet Weitblick reduziert sich der Druck, auf die gewachsenen Quartiere, in welchen die Stadt Solothurn keine flächendeckende Verdichtung anstrebt. Das ist auch ein Ziel des räumlichen Leitbildes, in dem definiert wurde, dass die Quartiere grossmehrheitlich ihren Charakter behalten sollen. Was die neu entstehenden Wohnungen betrifft, so werden die Anforderungen unterschiedlicher Generationen erfüllt und fortschrittliche Wohnformen ermöglicht. Damit wird ein für die Region wegweisendes Projekt realisiert. Darüber hinaus vervollständigt das Gebiet Weitblick den Stadtkörper: Es wird eine zukunftsgerichtete und konkurrenzfähige städtebauliche Identität geschaffen, indem Zugänge zu einem urbanen Lebensstil an einem bahnhofnahen Ort entstehen, welche auch zu Fuss und mit dem Velo gut erreichbar sind. 

Der südliche Teil des Gebiets Weitblick bietet Raum für wirtschaftliches Wachstum: Mit der zentrumsnahen Lage, eigenständigen Versorgungsstrukturen und Begegnungsorten schafft der Weitblick ein ideales Umfeld für lokale und internationale Unternehmen. Zum einen können Stadt und Kanton Solothurn damit seine Position im Standortwettbewerb bei Neuansiedlungen stärken, zum anderen entsteht auch für bestehende lokale Unternehmen neuer Expansionsraum. Nicht zu vergessen ist, dass Unternehmen ihre Standortentscheide immer kurzfristiger treffen und grosse Flächen mit einer gesicherten Erschliessung heute in städtischen Gebieten selten verfügbar sind. Dass Solothurn mit der Gebietsentwicklung Weitblick interessierten Unternehmen künftig schnell verfügbare Lösungen bieten kann, ist deshalb ein entscheidender Mehrwert.


Geplant sind Bauflächen für genossenschaftlichen Wohnungsbau. Ist es das Ziel der Stadt, mit dem Weitblick besonders günstigen Wohnraum zu fördern? Was für Quartiere sollen entstehen?

Es ist ein Anliegen der Stadt, mit dem Weitblick bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen – für junge Menschen, Familien sowie Seniorinnen und Senioren. An guten Lagen soll aber durchaus auch Potenzial für gehobenen Wohnraum geschaffen werden.

Ziel ist es, dass der neue Stadtteil ein gemeinschaftliches Leben und Miteinander verschiedener Generationen ermöglicht. So wurde die Gebietsentwicklung Weitblick auch in die Schulplanung miteinbezogen: In der ersten Etappe werden zwei Kindergärten realisiert, ein weiterer wird zu einem späteren Zeitpunkt folgen. Ebenso wird der demografischen Entwicklung Rechnung getragen: Unterschiedliche Wohnformen für ältere Menschen, allenfalls auch mit entsprechenden Betreuungsangeboten, sollen im Weitblick entstehen.


Per wann kann mit der Vergabe der Grundstücke gerechnet werden?

Die Gebietsentwicklung Weitblick kann realisiert werden, wenn die Gesamtrevision der Ortsplanung abgeschlossen ist.


Das Lusthäuschen beim Henzihof wird immer wieder zum Thema. Bleibt es erhalten, und wird der Henzihof als Quartierzentrum weiterhin genutzt?

Das Anliegen von einem Teil der Bevölkerung, das Lusthäuschen und den Henzihof zu erhalten, ist uns bekannt. Von Seiten Stadtbauamt prüfen wir aktuell alle Faktoren, welche für oder gegen den Erhalt dieser Gebäude sprechen. Beide Gebäude (Lusthäuschen / Haupthaus Henzihof) werden im neuen Bauinventar als schützenswert eingestuft. Ein weiteres Gutachten hat gezeigt, dass die bauliche Substanz des Henzihofs teilweise nicht gut ist. Ebenso prüfen wir eine sinnvolle Nutzungskonzeption für die Bestandesbauten und wie das für den Weitblick lage- und etappierungsmässig wichtige Baufeld als Gesamtes städtebaulich und wirtschaftlich sinnvoll entwickelt werden kann. Anhand dieser Ergebnisse werden Variantenplanungen erstellt. Diese dienen als Grundlage für den Entscheid über den Umgang mit Lusthäuschen und Henzihof und sollen ein sinnvolles weiteres Vorgehen für die Entwicklung des Baufeldes definieren.


In der Konzeption wird viel Wert auf Altersfragen gelegt. Ebenso wird vom sogenannten Generationenwohnen gesprochen. Was versteht die Stadt darunter?

Der Weitblick bietet die Gelegenheit, neue Wohnformen zu realisieren. Das können einerseits generationendurchmischte Wohneinheiten sein, bei denen hindernisfreie Kleinwohnungen, Gemeinschaftsräume und eine Gemeinschaftsküche vorhanden sind. Andererseits sind Grosswohnungen denkbar, die Wohngemeinschaften verschiedener Generationen ermöglichen und so ideale Voraussetzungen für Nachbarschaftshilfe bieten. Als Ergänzung wäre auch ein Dienstleistungszentrum für ältere Menschen sinnvoll, das Betreuungsangebote, pflegerische Massnahmen sowie Beratung und Unterstützung in Akutsituationen zur Verfügung stellt.


Wir sprechen jetzt von der ersten Realisierungsetappe. Der Weitblick ist auf 45 Jahre hin geplant. Wann will die Stadt die nächste Etappe realisieren?

Die erste Etappe ist bis ins Jahr 2023 geplant und umfasst unter anderem die Realisierung der Allmend, einem Freiraum für Sport und Unterhaltung. Ab 2024 wird die Naherholungsqualität weiter ausgebaut und der Segetzpark realisiert. Damit wird dem Wunsch der Bevölkerung nach mehr Grünflächen im Stadtgebiet Rechnung getragen. Der Segetzpark wird das Areal massgeblich aufwerten und eine wichtige Verbindung zu den Grünräumen in der Innenstadt schaffen. Er trägt zur Identitätsbildung des Gebiets Weitblick bei und macht dieses für die Bevölkerung im Gebiet und darüber hinaus in der gesamten Stadt noch attraktiver. Denkbar sind dann auch Angebote wie Wohnen oder Arbeiten «am Park». Die Gebietsentwicklung unterliegt einer rollenden Planung – bei entsprechender Nachfrage können weitere Vorhaben früher als momentan vorgesehen ausgelöst werden.


Die ersten Vorarbeiten für die Bereitstellung des Areals werden im Jahr 2018 getätigt. Wann und wo ist mit Immissionen zu rechnen?

In den Gebieten Obere Mutten und Oberhofstrasse ist 2018 kurzzeitig mit Mehrverkehr zu rechnen. Grund dafür sind Vorarbeiten, um eine stabile Bodenstruktur sicherzustellen. Dies bedingt den Abtransport von Bodenmaterial. Weil der Boden in aktuellem Zustand einsinken könnte, werden allfällige Setzungen durch Vorbelastungen ausgelöst. Dabei wird Wert auf besondere Vorsichtsmassnahmen gelegt. Es besteht ein Überwachungskonzept, mögliche Verschiebungen werden überwacht, und bei nahe liegenden Bauten werden Rissprotokolle erstellt.


Die Realisierung Weitblick steht in engem Zusammenhang mit der Ortsplanung Solothurn. Wie gliedert sie sich in diese ein?

Das Gebiet Weitblick kann erst dann entwickelt werden, wenn die Gesamtrevision der Ortsplanung abgeschlossen ist.
Im heute gültigen Teilzonen- und Nutzungsplan wurde zum einen die gute Erschliessung des Gebietes zu wenig berücksichtigt. Zum anderen wurden auch die Wirtschaftlichkeitsberechnungen, die jeder potenzielle Investor tätigt, nicht ausreichend einbezogen. Die heutige Ausnützungsziffer im Norden des Weitblicks entspricht zu wenig einer zeitgemässen, nachhaltigen Stadtgebietsentwicklung, in deren Rahmen die raumplanerischen Ziele in der Schweiz umgesetzt werden müssen.

Die heutigen Nutzungsabsichten basieren auf einer städtebaulichen Analyse, den Erkenntnissen aus Gesprächen mit Interessenten und den auf den Standort Solothurn abgestimmten Angebots- und Nachfragepotenzialen. Die Nutzungsdichte wurde angepasst und mit den angrenzenden Bauzonen harmonisiert. So kann eine effiziente Nutzung der vorhandenen Bodenressourcen sichergestellt werden.

Wichtig ist auch: Der langfristige Entwicklungshorizont erlaubt es der Stadt Solothurn, flexibel zu planen und sich laufend an der konkreten Nachfrage zu orientieren. Damit wird sichergestellt, dass Grünflächen nicht auf Vorrat verbaut werden, sondern nur dann, wenn ein effektiver Mehrwert für die Stadt und die Bevölkerung erzielt werden kann.


Wachstum bedeutet immer auch mehr Verkehr. Besteht für den Weitblick ein Mobilitätskonzept?

Um eine Weiterentwicklung der Stadt Solothurn nicht zu behindern, bedarf es aktiver Steuerungsmassnahmen in der Verkehrsplanung. Die Stadt Solothurn betrachtet das Thema Mobilität aber nicht isoliert für das Entwicklungsgebiet Weitblick, sondern im Rahmen der Ortsplanung. Dazu bedarf es einer flexiblen Verkehrsplanung, die sich jeweils nach der örtlichen Situation richtet, und einer guten Abstimmung mit dem Kanton.

Für das Gebiet Weitblick wird aktuell ein eigenständiges Mobilitätskonzept erarbeitet mit dem Ziel, die Mobilitätsbedürfnisse bestmöglich zu erfüllen. Durch die optimale Erschliessung direkt an der Bahnhaltestelle Allmend und durch Netze für Busse und den Fuss- und Veloverkehr werden Anreize geschaffen, um das Strassennetz in der Stadt Solothurn durch den Autoverkehr nicht zu überlasten.
 
Grundsätzlich zeichnet sich das Gebiet Weitblick dank der Nähe zum Bahnhof durch eine sehr gute Erreichbarkeit aus. Die Strassenräume werden zu öffentlichen Stadträumen. Diese können attraktiv und sicher gestaltet werden, da der motorisierte Individualverkehr direkt am Gebietsrand abgefangen und in Gemeinschaftstiefgaragen geleitet wird. Für Fussgänger und Velofahrer wird eine sichere Durchwegung mit ausreichend Beschattung und Sitzgelegenheiten realisiert. Oberirdische Parkplätze werden beschränkt und so platziert, dass kein Suchverkehr entsteht.